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Laumann in Indien

Kinderarbeit. Steine, die als Pflastersteine oder Grabsteine in Deutschland verwendet werden und an denen das Blut von Kindern klebt - das lässt Karl-Josef Laumann nicht locker. Weil er als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen auch für das Friedhofswesen zuständig ist, interessieren ihn vor allem die Grabsteine: Wie kann man sicherstellen, dass für Grabsteine in Deutschland nicht Kinder in Indien schuften müssen?

Laumann reiste jetzt nach Indien, in die Haupstadt Neu Delhi und den Bundesstaat Rajastahn, um sich selbst ein Bild über die Arbeitsbedingungen in den Steine-Betrieben zu machen. Er sprach mit Kindern, die arbeiten müssen; mit Eltern, die ihre Kinder gern zur Schule schicken würden; mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, Politikern - und mit Unternehmern, die Steine nach Deutschland exportieren.

Und Laumann sprach mit Kindern, die nicht mehr oder nur noch wenig arbeiten müssen, weil sie Hilfe bekommen.

Mit dabei waren Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, weil sich ein Großteil der nordrhein-westfälischen Friedhöfe in kirchlicher Trägerschaft befindet.

Presse-Echo

Viele Medien berichteten in Nordrhein-Westfalen über Laumanns Reise, darunter:

der Westdeutsche Rundfunk

die Westfälischen Nachrichten

die Westdeutsche Allgemeine Zeitung

das Dom-Radio

Ein steiniger Weg

Wie lebt es sich in den Steinen, mit den Steinen? Im Rahmen seines Indien-Besuchs sprach Karl-Josef Laumann, der auch CDA-Bundesvorsitzender ist, mit Menschen, die in Steinbrüchen und Steinbetrieben arbeiten. Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben dort, werden schon als Babys mitgenommen. Erst spielen sie mit dem Hammer, und dann arbeiten sie mit ihm.

"Wer schon als Baby mitgenommen wird in den Steinbruch, hat eine Lebenserwartung von etwa 30 Jahren. Wer als junger Erwachsener hier anfängt, wird auch nur etwa 40 Jahre alt", sagte Benjamin Pütter, Kinderrechtsexperte von "Misereor", der Laumann begleitete. Fast alle sterben sie an Staublunge. Arbeitshandschuhe, Schutzmasken, Helme - alles fehl am Platze.

Auch für Erwachsene sind die Arbeitsbedingungen hart, erst recht dann, wenn es draußen heiß ist. Die meisten der Arbeiter hämmern auch sonntags, eigentlich in Indien arbeitsfrei wie bei uns, um über die Runden zu kommen. "Zusammen mit meiner Frau bekomme ich einen Tageslohn von 200 bis 250 Rupien", hört Laumann von einem Arbeiter, umgerechnet 3 bis 4 Euro. Und da ist er schon in einem Betrieb mit den besseren Arbeitsbedingungen beschäftigt.

Wer früh anfängt zu arbeiten, stirbt früh - und hinterlässt dann oft Kinder, die aus schierer Not arbeiten müssen. Die allermeisten von ihnen arbeiten im "informellen Sektor". Sozialversicherungen kennen sie ebenso wenig wie Arbeitsschutz. Zwar gibt es staatliche Gesundheitsprogramme für die Ärmsten. Doch nur die wenigsten von ihnen kennen ihre Ansprüche; durchsetzen können sie sie erst recht nicht.

Benjamin Pütter setzt denn auch vor allem da an: "Wir wollen die Menschen dazu in die Lage versetzen, ihre Rechte auch wahrzunehmen", so der Misereor-Experte. Deshalb gehe es auch nicht nur darum, den Bedürftigen Geld zukommen zu lassen.

Mitdiskutieren im Blog!

Muss man sich aufgrund kultureller und ökonomischer Unterschiede zwischen Industrie- und Schwellen- bzw. Entwicklungsländern mit Kinderarbeit abfinden? - Diese Frage wird im Blog der Sozialen Ordnung diskutiert. Jetzt reinklicken und mitskutieren: Kinderarbeit - halb so schlimm?

Appell

Karl-Josef Laumann wies in Indien auch im Gespräch mit Politikern und Unternehmern auf die Notwendigkeit hin, auf ein Ende der Kinderarbeit hinzuwirken. Gegenüber den Steinexporteuren vewies der CDA-Vorsitzende vor allem auf die Chancen:

"Wer in Deutschland Steine verkaufen will, ist gut beraten, auf Kinderarbeit zu verzichten."

Die Verbraucher seien sehr sensibel, der faire Handel sei in Deutschland ein großes Thema. Ausdrücklich machte sich der Minister für ein "sicheres, nachvollziehbares" Siegel wie das von XertifiX stark.

Öffentlicher Druck

Es ist wichtig, immer wieder den Skandal der Kinderarbeit öffentlich zum Thema zu machen: Die Zahl der Kinder, die Teppiche knüpfen müssen, ist jahrelang zurückgegangen, weil darüber gesprochen wurde und ein Siegel entwickelt wurde. Doch seit einiger Zeit ist Kinderarbeit in der Teppichindustrie nicht mehr das große Thema - und schon ist wieder ein Anstieg der Zahl der Kinderarbeiter in dieser Branche zu beobachten. Darauf wies Benjamin Pütter hin.

Vergeben und vergessen?

Muss man bei der öffentlichen Auftragsvergabe die Arbeitsbedingungen in Indien ausblenden? Gilt: Geiz ist geil, der Billigste muss den Zuschlag bekommen? Immerhin hatte es in Köln vor einigen Jahren einen Skandal gegeben, weil der Heumarkt mit Steinen aus Kinderarbeit gepflastert worden war.- Doch das muss nicht sein. Erst recht nicht nach einer Gesetzesänderung im vergangenen Jahr. Denn im April 2009 ist ein neues Vergaberecht in Kraft getreten. Jetzt ist klargestellt, dass der Ausschluss ausbeuterischer Kinderarbeit bei öffentlichen Aufträgern verlangt werden darf. So kann eine Stadt verlangen, dass die Pflastersteine für einen neuen Marktplatz nicht aus ausbeuterischer Kinderarbeit stammen.

Bei Friedhöfen sieht die Situation etwas anders aus. Mehrere Kommunen haben ihre Friedhofssatzungen geändert, um die Aufstellung von Grabsteinen aus ausbeuterischer Kinderarbeit zu untersagen. Doch dagegen haben in Rheinland-Pfalz und Bayern Steinmetze - leider erfolgreich - geklagt. Daher wird nun geprüft, ob der Bundes- oder die Landesgesetzgeber gefragt sind, eine eindeutige Rechtsgrundlage zu schaffen.

Unabhängig davon kann jeder, der Steine kauft, schon heute freiwillig darauf achten, dass sie nicht aus Kinderarbeit stammen. Auch in einzelnen Baumärkten gibt es zertifizierte Steine. Dabei hilft vor allem das Siegel von XertifiX, aber auch das Fair-Stone-Siegel von win=win. Es gibt auch Bemühungen um ein einheitliches Siegel - etwas, was auch die Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit einem "Runden Tisch" anstoßen wollte. Hier mehr dazu

 

Mehr Infos

Sie finden auf unserer Homepage eine umfassende Link-Liste zum Thema "Kinderarbeit". Wenn Sie sich konkret  für Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen interessieren, ist die XertifiX-Seite zu empfehlen. Zudem hat terre des hommes eine Studie erstellt und hält umfassende Informationen bereit. Schließlich ist auf die Studien des SÜDWIND-Instituts zu verweisen.

Schule machen!

Kinderarbeiter können nicht zur Schule gehen. Ihnen werden damit die Chancen für eine bessere Zukunft verbaut. Und umgekehrt gilt auch: Weil Schulen fehlen, arbeiten Kinder. Wenn beide Eltern den ganzen Tag über arbeiten gehen und keine Schule da ist, nehmen sie ihre Kinder eben mit zur Arbeit - und dann fangen diese irgendwann an mitzuhelfen. Im Mittelpunkt aller Hilfsprojekte stehen daher auch Schulen. Straßenschulen wie die von Butterflies, ein von Misereor unterstützes Projekt in Neu Delhi, wie die des Salaam Baalak Trust, ebenfalls in Neu Delhi,  oder die Schule von NEG Fire direkt neben den Steinen in Budhpura, Rajastahn. NEG Fire wird ebenfalls von Misereor unterstützt. "Fast alle Kinder, die diese Schule besuchen, haben vorher gearbeitet", erfuhr Karl-Josef Laumann bei seinem Besuch der Schule.

Für einige Kinder freilich reicht die Schule allein nicht aus. Straßenkinder brauchen ein Dach über den Kopf, zumindest ab und zu. Deswegen unterhält "Butterflies" in Neu Delhi auch einen ""Night Shelter" und bietet damit fast 50 Jungen und Mädchen ein Nachtquartier. "Butterflies" organisiert die Gesundheitserziehung für Kinder, verschafft ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung.

Einen Kinderrat gibt es ebenfalls. Damit werden die Kinder dabei unterstützt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Ein Beispiel: Beim Ballspielen in einem Park in Neu Delhi bekamen die Kinder Ärger mit der Polizei. Der Kinderrat hat getagt, Kontakt mit der Polizei aufgenommen - und das Problem gelöst.

Besonders beeindruckte Karl-Josef Laumann auch die Kinderbank. Kinder können dort ihr Geld deponieren, auf Spar- und Girokonten. Gerade für Straßenkinder ist das interessant - drohen sie doch ihr Geld, das sie sich erarbeitet oder erbettelt haben, allzu schnell wieder zu verlieren. Etwa dadurch, dass es ihnen gestohlen wird. Die Kinderbank bietet da Sicherheit. Die "Bankdirektoren" sind selbst Kinder - und die Kinderbank gehört den Kindern. Die beste Gewähr dafür, dass mit dem Geld ordentlich umgegangen wird. Eine typische Genossenschaftsbank also. "Das ist ja wie bei Raiffeisen", lautete denn auch das positive Fazit von Karl-Josef Laumann.

Helfen

Im Rahmen dieser Website finden Sie konkrete Hinweise, wie Sie durch Spenden und die Übernahme von Patenschaften dazu beitragen können, die Ursachen der Kinderarbeit zu beseitigen: hier.

Wenn Sie konkret für "Butterflies" spenden wollen, informiert Sie die Homepage von Misereor.

In den Straßen von Neu Delhi

Wie leben Straßenkinder in Neu Delhi, der indischen Hauptstadt? Der 21-jährige Anil, selbst ein ehemaliges Straßenkind, erzählt es - und sagt zuerst einmal etwas dazu, wo die Kinder leben: Viele rund um den Bahnhof, neben den Gleisen. Zwischen den Bahngleisen haben sie Wäsche aufgehängt.  Einige sind mit ihren Eltern zusammen, viele andere leben allein auf der Straße. Sie sind von zu Hause weggelaufen. Der Grund dafür ist meistens Armut.

Fährt ein Zug ein, ein Luxuszug, und haben die Passagiere ihn verlassen, so versuchen sie, hineinzugelangen. Was Wohlhabende von ihrem Reiseproviant im Zug liegen lassen, Essensreste also - für die Straßenkinder ist es wertvolle Nahrung. Manchmal bleiben sie auch in dem Zug, fahren mit ohne Fahrschein, oft in der Hoffnung, dass am Ende der Reise eine bessere Welt steht.

Verfügen sie mal über etwas Geld, so geben viele von ihnen es für Tipp-Ex und Klebstoff aus - Stoff zum Schnüffeln.

Und doch gibt es immer wieder einige, die es schaffen wegzukommen - von der Straße und von den Schnüffeldrogen. Anil erzählt von ihnen, hat eine Reihe von Erfolgsgeschichten parat, und dabei klingt es etwas nach Bollywood. Mag auch das eine oder andere geflunkert sein, so zeigt es doch, dass die Hoffnung in vielen wach ist.

Anil selbst ist auf einem guten Weg, hat auf der Straße gelernt, spricht jetzt Englisch. Nun will er aufs College und seinen Bachelor machen.